Die Legende besagt, der griechische Geograph Strabon (1. Jhdt. v. Chr.) habe in seinen Schriften von Iason und den Argonauten berichtet, die mit ihrem kostbaren Diebesgut, dem sagenumwobenen Goldenen Vlies an Bord, an den Stränden nahe der Sele-Mündung an Land gegangen seien und dort einen Tempel zu Ehren der Hera Argiva errichtet hätten.
Historiker hingegen vertreten die These, es habe sich um die Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. eine Kolonie von Sybariten in der Gegend angesiedelt, beseelt von dem Ansinnen, an der Tyrrhenischen Seite des Festlands einen strategischen Hafen zu schaffen. Weil die Kolonie mit den Jahren zu stattlicher Größe gewachsen sei, habe man schließlich die Stadt Poseidonia gegründet. Poseidonia und seine Mutterstadt Sybaris wußten die Gunst ihrer Lage zu nutzen und pflegten einträgliche Handelsbeziehungen mit den Etruskern. Dies zumindest ist durch Funde von Amphoren und anderen Vermächtnissen etruskischen Ursprungs belegt.
Die Vorzeichen standen denkbar günstig. Und Poseidonia erblühte in kurzer Zeit zu einer der bedeutendsten Städte des Mittelmeerraums. Sybaris aber wurde 510 v. Chr. von seiner Nachbarstadt Kroton unwiderbringlich zerstört. Es war an seiner Tochterstadt, die Überlebenden zu bergen. Und mit ihnen kam Reichtum nach Poseidonia, eine Fülle ererbter Schätze.
Sie bescherten ihm eine Zeit des Wohlstands, Jahre von ungeahnter Pracht, die die ersten großen Bauten gebaren und den Göttern geweihte Tempel.
Um das Jahr 400 v. Chr. eroberten die Lukanier Poseidonia, und die neuen Herren nannten die Stadt Paistom (oder Paistos). Sie erlebte so manchen Wechselfall der Geschichte, bevor sie 273 v. Chr. an die Römer fiel. Das römische Paestum aber sollte schon bald in seinem alten Glanz erstrahlen. Herrliche neue Bauwerke, Thermen und ein Amphitheater prägten die Züge der wiedererblühten Metropole.
Und als das Christentum zwischen ihren Mauern Einzug hielt, erkor man die Stadt zum Bischofssitz; doch vor den Toren stand ein schrecklicher Feind, der ihr Schicksal zu besiegeln heischte: Aus den Sümpfen kroch die Malaria heran, und wer ihr entkommen konnte, floh in die Berge. In den folgenden Jahrhunderten begrub die Natur das einst so prächtige Paestum. Sumpf und Dickicht legten ein schweres Leichentuch über die Stadt.
Ein mächtiger Mauerring gibt den fünfeckigen Grundriß des heutigen Ausgrabungsgeländes vor. Durch das antike Paestum verlaufen zwei Hauptstraßen, die sich rechtwinklig kreuzen. Sie verlassen die Stadt durch vier Tore.