Die Kartause von San Lorenzo
Auf Wunsch des Grafen von Marsico und Signore der Vallo di Diano, Tommaso Sanseverino, begann man im Jahre 1306 in Padula, das der Kartäuserprovinz “Sancti Brunonis” angehörte, mit dem Bau der Kartause (ital.: certosa ) San Lorenzo. Der Graf finanzierte, selbstredend, das Bauvorhaben, die Oberaufsicht führte der Prior der Kartause von Trisulti (in Frosinone). Tommaso Sanseverino hatte seinerzeit von der Abtei Montevergine ein altes Klostergemäuer erworben, das bereits damals dem Heiligen Lorenzo geweiht war. Es bildete den ursprünglichen Kern, um den ein prächtiges neues Kartäuserkloster entstehen sollte. Der Gründe, die den Grafen zu diesem Vorhaben bewegten, gab es verschiedene; sicherlich rührten ihn, neben seinen “offiziellen” Motiven, also denen religiöser und gottesfürchtiger Natur, auch solche ganz anderer Art, Prestigedenken etwa, oder erhoffte Vorteile. Von entscheidendem Gewicht war gewiß der französische Ursprung, den der Orden der Kartäuser mit den Anjou gemeinsam hatte, das Herrscherhaus konnte nicht anders, als den Rückhalt gutzuheißen, der der “aristokratischen” Bruderschaft, dem Orden der gehobenen Schichten, seitens des Grafen zuteil wurde. Tatsächlich ernannte Karl II. - mit dem Beinamen “der Humpelnde” - mit vornehmem zeitlichen Aufschub Tommaso San Severino zum Connétable (in Frankreich ab dem 14. Jhdt. der Titel des Oberbefehlshabers der Armee) des Königreichs beider Sizilien. Ein weiterer Grund ist zweifellos in der Dringlichkeit zu suchen, mit der es damals galt, die Sümpfe trockenzulegen, die die Besitztümer im Vallo di Diano zum Gutteil wertlos machten; im Mittelalter waren es aber gerade die großen Klostergemeinschaften, die sich dieser Aufgabe widmeten, und ein Orden wie der der Kartäuser kam nicht zuletzt für diesen Zweck gerade wie gerufen. Ein Geflecht von diplomatischen und praktischen Gründen war es also, das die Sanseverino veranlaßte, sich in so hohem Maße für eben diesen Orden zu verwenden; bis in die Anfänge des sechzehnten Jahrhunderts hinein standen die Kartäuser unter ihrem besonderen Schutz.
Wenige Elemente der Klosteranlage aus der Zeit ihrer ältesten Geschichte sind heute noch in der “Certosa di San Lorenzo” erhalten. So kann man etwa das prächtige Kirchenportal aus dem Jahr 1374 bewundern und das Kreuzgewölbe im Innenraum des Gotteshauses. Nach dem Trienter Konzil (dem sog. ”Tridentinum” um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, das die Abgrenzung der Römisch-Katholischen Kirche gegen den Protestantismus proklamierte) veranlaßte man umfangreiche Erweiterungsbauten, die tiefgreifende Veränderungen des alten Gebäudes aus dem vierzehnten Jahrhundert mit sich brachten. Um diese Zeit begann man, unter anderem, auch mit den Arbeiten, die sehr viel später in der Anlage des großen Kreuzgangs und der ellipsenförmigen Treppe mündeten. Die letzten Baumaßnahmen verzeichnet die Chronik des Klosters im 18. Jahrhundert; damals entstanden das Refektorium und die Stuckdekorationen in verschiedenen Räumen.
Die Anlage von Kartäuserklöstern, in welchem Land man sie immer errichtet hat, folgt stets dem selben baulichen Muster; denn sie ist Resultat einer strengen Anwendung von Regeln. Jenseits der Großartigkeit, der Schönheit und des Reichtums jeder einzelnen Kartause steht stets unverändert die gleiche ikonographische Struktur. Die Räume der Klöster liegen, streng nach Zweck getrennt, im “unteren Haus” oder im “oberen Haus”; während im unteren die Bereiche untergebracht sind, in denen gearbeitet wird (Lager, Getreidespeicher, Ställe, Wäscherei etc.), ist das obere den Zellen der Pater zugedacht, hier herrschen Stille und strenge Klausur. Diese klare Trennung spiegelt vollkommen die Erfordernisse einer Klostergemeinschaft, die sich zum einen aus Klausurmönchen, zum anderen aus Laienbrüdern zusammensetzt. Letztere sind in jeder Hinsicht Mönche wie erstere auch, mit dem alleinigen Unterschied, daß sie auf das Gelübde zur Klausur aus freien Stücken verzichten, um den anstehenden Fertigungs- und Dienstleistungsarbeiten sinnvoll nachgehen zu können.
Im späten 18. Jahrhundert zeichnete sich für die Kartause von San Lorenzo das Ende der glücklichen Jahre ab, die ihr die Geschichte über eine lange Epoche beschert hatte; denn Napoleons Reich brachte andere Zeiten ins Land. Zu Beginn des Jahres 1807 wurde das Kloster aufgelöst, man zwang die Mönche, es zu verlassen; und entledigte die Kartause des gesamten Kunstschatzes, den sie über die Jahrhunderte in ihren Räumen angesammelt hatten; kostbare Gemälde und Statuen, Gold und Silber... und nicht zuletzt die Texte einer herrschaftlich ausgestatteten Bibliothek... ein unermeßlicher Reichtum verlor sich in den Wirren der Zeiten.
Als die napoleonische Herrschaft sich ihrem Ende zuneigte, kehrten die Mönche in ihre “Certosa” zurück, doch die Macht und der Einfluß, die sie einst besaßen, gehörten vergangenen Zeiten an. Die Kartäuser blieben noch einige Zeit in Padula, bis sie 1866 das Kloster endgültig aufgaben. Und obwohl es 1882 zum nationalen Monument erklärt wurde, sollte das vormals so strahlende Bauwerk über viele Jahrzehnte im Schatten der Vergessenheit ruhen. Und mußte während der zwei Weltkriege gar als Gefangenenlager entwürdigende Dienste tun.
Nach Planung der Finanzbehörden Süditaliens sind Restaurierungsarbeiten erst Anfang der 60er Jahre zu erwarten, doch ein entscheidender rettender Impuls ging auch in diesem Fall vom Amt für Denkmalspflege und archäologische und kulturhistorische Güter Salerno aus; als historisches Baudenkmal ist das Kloster seit Juni 1982 seiner Obhut anvertraut. Die Behörde hat alle verfügbaren Finanzmittel und intellektuellen Ressourcen mobilisiert. Sie sollen die Kartause von San Lorenzo, erfüllt von neuem Sinn und verdienter Wertschätzung, erneut im Glanz vergangener Zeiten erstrahlen lassen.